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Lebenswerte Städte: Unser Interview mit Stadtplanerin Dr. Katrin Korth

Wie entstehen lebenswerte Städte? Diese Frage haben wir unserer Interviewpartnerin Dr. Katrin Korth gestellt. Die gebürtige Magdeburgerin setzt sich seit vielen Jahren für lebenswerte Stadträume ein. Neben ihrer Tätigkeit als Stadtplanerin bloggt sie auch zu dem Thema Lebensqualität in Städten und Dörfern unter www.platzmachen.com.

Wir haben die Gelegenheit genutzt und eine absolute Expertin gefragt, was Orte lebenswert macht und wie Städte ihr Potenzial besser nutzen können. Dabei geht es um bürgernahe Stadtentwicklung, aber auch um aktuelle Entwicklungen wie Landflucht und Wohnungsknappheit. Wir wünschen euch viel Spaß beim Lesen des folgenden Interviews:

Liebe Frau Korth, was macht für Sie eine lebenswerte Stadt aus?

Niemand sorgt so sehr für Lebendigkeit einer Stadt wie Fußgängerinnen und Fußgänger. Lebenswert ist für mich eine Stadt, wenn sie sich am zu Fuß gehenden Menschen orientiert. Wenn Menschen gern und freiwillig vor ihr Haus oder aus ihrer Wohnung gehen, auf das Auto verzichten, nicht weil sie es müssen, sondern weil es ohne Auto interessanter und anregender ist.

Sie haben viel Erfahrung mit Stadtentwicklung und plädieren in ihrem Blog platzmachen.com für eine stärkere Orientierung an den Bedürfnissen von Bewohnern: Was würden Sie gerne verändern?

Stadtentwicklung ist oft auf Gebäude und das reine Erfüllen von Wohnbedürfnissen ausgerichtet. Das ist wichtig, dennoch bleibt dabei der Stadtraum oft nur die Leerstelle zwischen den Gebäuden, belegt mit Funktionen für Autostellplätze oder Müllplätze, Zufahrten und Verkehr. Heraus kommen immer gleiche und öde Straßen, Plätze und Fußgängerzonen, selbst breite Geh- und Radwege bieten meist wenig Anreiz für die Nutzung.

Städtisches Leben heißt Begegnung mit anderen Menschen. Dafür braucht es Platz, aber eben auch Grün, abwechslungsreiche Gestaltung und nicht die immer gleichen Fassadenfluchten und Steinwüsten bei den Bodenbelägen.

Ich wünsche mir Stadträume, die gefahrlos von Kindern und alten Menschen genutzt werden können, die mit überraschenden Details zum Entdecken und Nutzen einladen, die Raum lassen für Individualität und gleichzeitig Nähe ermöglichen. Damit ist z.B. gemeint: man entdeckt den schönen Vorgarten der Nachbarn, macht auch mal einen Umweg, weil man so gern daran vorbei geht und irgendwann kommt man mit den Nachbarn darüber ins Gespräch, zufällig und zwanglos… und legt vielleicht selbst einen Vorgarten an. Oder man trifft sich am Brunnen, weil es da so viel zum Schauen gibt, weil andere Menschen auch dahin kommen.

Lebendige Stadträume erfordern nicht viel, nur einige einfache Gestaltungsgrundsätze, die direkt vor der Tür beginnen: der überdachte Eingang, der sich zur Straße hin öffnet und vor dem ich die Nachbarn treffe, die Treppenstufen, auf die man sich hocken kann, der Baum vor dem Haus, unter dem eine Bank zum Verweilen einlädt, Beete, die von den Bewohnerinnen und Bewohnern bepflanzt werden, Fahrradständer, die die Fahrräder nicht verstecken, Quartiersplätze mit Brunnen und Café und überhaupt viel Grün, also Bäume, Vorgärten oder bepflanzte Fassaden. Wichtig sind kleinteilige Bebauungen und gegliederte Fassaden, dazu Erdgeschosse mit Läden, Praxen, Büros, Gewerbe oder Cafés.

Welche Themen liegen Ihnen bei der Stadtgestaltung besonders am Herzen?

Meine beiden großen Themen sind gestaltetes Wasser und Bewegung. Gestaltetes Wasser – Brunnen, Wasserspiele oder Ufergestaltungen – erzeugen besondere Höhepunkte und Oasen. In Zeiten von Klimaveränderungen wird das zukünftig noch wichtiger werden. Dann sollten Stadträume abwechslungsreich gestaltet werden, mit vielen Möglichkeiten für Fußgänger. Das allein schon fördert Bewegung, die wir dringend brauchen, da wir alle zu viel sitzen.

Eines Ihrer Schwerpunktthemen ist ja auch die Gestaltung kinder- und jugendfreundlicher Stadträume. Was brauchen Kinder und Jugendliche, um sich an einem Ort wohlzufühlen?

Aus dem Blick von Erwachsenen ist der Spielplatz mit bunten, gefahrlos zu bespielenden Spielgeräten ein kinder- und jugendfreundlicher Ort. Wenn man sich an die eigene Kindheit erinnert, stimmt das nur teilweise. Interessant waren Orte, an denen man sich ungestört treffen konnte, die versteckt waren, die man verändern konnte, die gefahrlos zu erreichen waren und die Abenteuer oder Überraschung boten.

Oder es waren Orte, an denen man gesehen wurde, von denen aus man selbst einen guten Überblick hatte, an denen man sich zeigen konnte. Nicht umsonst ist die Bushaltestelle bis heute so ein beliebter Ort. Kinder und Jugendliche brauchen eigene Orte, die sie gestalten können, und auch den Platz auf der Straße, dazu die Sicherheit, dass sie in der Stadt willkommen sind. Unsere autogerechten Stadträume bieten das zu wenig.

Was können Orte aus Ihrer Sicht gegen Entwicklungen wie Wohnraumknappheit oder Landflucht tun?

Beide Themen müssen vor allem politisch und sozial gelöst werden, unabhängig davon, dass mehr sozialer Wohnungsbau erforderlich ist.

Wohnraumknappheit ist nur zu beheben, wenn man das Grundprinzip von Wohneigentum als Spekulationsobjekt in Frage stellt, wie es beispielsweise bei Genossenschaftswohnungen der Fall ist, und wenn Bund, Land und Kommunen viel stärker wieder selbst investieren und dies nicht ausschließlich gewinnmaximiert agierenden Investoren überlassen. Der mengenmäßige Ausverkauf von öffentlichen Wohnungsbeständen war einer der größten politischen Fehler der letzten Jahre.

Der Landflucht lässt sich nur begegnen, wenn Dörfer und kleine Städte sich auf ihre Stärken, ihre Identität, ihre Traditionen und die Stärkung der Gemeinschaft besinnen. Dazu müssen Internetversorgung, Öffentlicher Nahverkehr und vor allem die ärztliche Versorgung gesichert werden. Obwohl beide Themen scheinbar unterschiedlich sind, ist gleich, dass ein attraktiv gestalteter Stadtraum das verbindende Element für den Zusammenhalt der Gesellschaft ist.

Welche Möglichkeiten haben Bürger auf die Stadtgestaltung Einfluss zu nehmen?

Eigentlich gäbe es vielfältige Möglichkeiten, von der Anwohnerinitiative über Verbände bis hin zu Parteien oder Wählervereinigungen. Meine Erfahrung ist, dass Stadtverwaltungen, Bürgermeister und Parteien Beteiligung mitunter immer noch als etwas verstehen, bei dem sie hinter verschlossenen Türen Vorgaben machen und die Bürger dann „abnicken“ sollen.

Gleichzeitig kenne ich Bürgerinnen und Bürger, die nur dann Einfluss ausüben, wenn ihre eigene Straße betroffen ist und dann erwarten, dass sich die Politik ausschließlich an ihren Wünschen orientiert. Zwischen diesen beiden Polen bewegen sich die Möglichkeiten für Einflussnahme.

Für mich ist wichtig, dass Stadtplanung nicht alles vorgibt und fertigplant, sondern dass Freiräume und Nischen bleiben. Ich wünsche mir außerdem mehr Interesse, von beiden Seiten. Das ist mühsam und erfordert gegenseitigen Respekt. Doch Freiheit bedeutet eben nicht nur, möglichst wenige persönliche Einschränkungen zu haben, sondern sich in gesellschaftliche Prozesse einzubringen. Mit meinem Büro berate ich deshalb auch Bürgervereinigungen und kommunalpolitische aktive Vereine und Parteien.

Fällt Ihnen eine Stadt oder Dorf ein, das die Stadtgestaltung schon besonders gut umsetzt?

Vor kurzem habe ich in der Zeitschrift FREIRAUMPLANER einen Artikel über das kleine Dorf Duchroth in Rheinland-Pfalz gelesen. Ich kenne das Dorf selbst, man kann sich dort viel abschauen, wie abwechslungsreicher öffentlicher Raum geschaffen werden kann – im Miteinander der Dorfgemeinschaft. Bei den Städten fallen mir in Deutschland Karlsruhe und Tübingen ein, international Kopenhagen.

Mit welchen Veränderungen ist in Zukunft in der Stadtentwicklung zu rechnen?

Ich rechne mit einer Renaissance der Kleinstädte. Der Run auf die Ballungszentren und das große Wachstum führte und führt häufig zu gesichtslosen, anonymen Vorstädten und Neubaugebieten. Kleine Städte können da eine gute Alternative sein. Sie sind überschaubar und bieten trotzdem alles zum Leben.

Noch eine Frage zum Schluss: Haben Sie einen persönlichen Lieblingsort?

Ich lebe auf dem Dorf und in der Stadt und habe das Glück, dass beides auch meine Lieblingsorte sind: mein Dorf am Oberrhein mit seiner wundervollen kleinen Kirche von Friedrich Weinbrenner und dem Baggersee mit seinem türkisgrünen, klaren Wasser. Dazu Tübingen, für mich die lebenswerteste Stadt überhaupt.

Vielen Dank für das Interview Frau Korth!

Bildquelle: Markus Niethammer

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